Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Lebensfreude durch neue Therapie

Wenn Bianca Hollstein (36) sich morgens für den Tag fertig macht, muss sie 15 Minuten mehr Zeit einplanen. So lange dauert es, bis sie die hautengen Kompressionsstrümpfe angezogen hat und alles sitzt, wie es sitzen soll. Eine „Routine“, an die sie sich auch nach über drei Jahren nicht so recht gewöhnen kann. Die 36-Jährige, die mit ihrer Familie in der Nähe von Eschwege lebt, leidet an Lipödem.

Ein Jahr Suche bis zur Diagnose

Angefangen hat alles 2015, nach ihrer zweiten Schwangerschaft. Zwar nahm Bianca nach der Geburt schnell wieder ab, stellte aber Veränderungen am Hautbild fest. Besonders an den Oberschenkeln war ihre Haut knotig und druckempfindlich, schon ein kleiner Mückenstich hinterließ einen riesigen blauen Fleck. Als dann stechende Schmerzen hinzu kamen, wusste sie, dass etwas nicht stimmt. Ihr Hausarzt klärte unter anderem die Gerinnungswerte ab und überwies sie zum Phlebologen. Der stellte schnell die Diagnose: Lipödem. „Ich war erstmal ziemlich überfordert, zumal mir der Arzt direkt im ersten Gespräch sagte, dass die Erkrankung nicht heilbar ist“, erzählt sie. „Zu Hause habe ich dann gegoogelt und gedacht: Wow, wenn das dein Weg ist, dann hast du ganz schön was vor dir!“ Obwohl die Diagnose ein Schock war, ist Bianca dankbar für den guten Blick ihrer Ärzte. „Von den ersten Symptomen bis zur Diagnosestellung verging kein Jahr. Ich kenne viele, bei denen es Jahrzehnte gedauert hat, bis die Krankheit wirklich erkannt wurde und sie mit der passenden Behandlung anfangen konnten“.

OP kostet bis zu 20.000 Euro

Ein Lipödem tritt (fast) ausschließlich bei Frauen auf. Bei der Fettverteilungsstörung werden Beine, Po, Hüfte und häufig auch die Oberarme 
immer dicker und Betroffene leiden häufig unter massiven Schmerzen. Experten vermuten, dass hormonelle Faktoren die Ursache für eine Erkrankung sind. In Deutschland ist etwa jede zehnte Frau betroffen. Mit Bewegung, Sport und gesunder Ernährung ist einem Lipödem nicht beizukommen. Die einzige Möglichkeit, den fortschreitenden Verlauf zu stoppen, ist eine Operation, bei der die krankhaften Zellen abgesaugt werden. In den allermeisten Fällen wird diese jedoch nicht von der Krankenkasse übernommen und die Betroffenen müssen die hohen Kosten selbst tragen. Teilweise stehen Lipödem-Patientinnen drei OPs bevor, um das beste Ergebnis zu erzielen und die Schmerzen dauerhaft zu lindern. Bis zu 20.000 Euro kann das insgesamt kosten. Auf Nachfrage bei den Krankenkassen, warum die Liposuktion keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung darstellt, obwohl die Krankheit mit Schmerzen verbunden und die Lebensqualität der Patientinnen erheblich beeinträchtigt ist, verweisen diese auf ein „Interpretationsdelta zwischen Politik und betroffenen Versicherten“ und fertigen das Thema als „ein generelles Problem“ ab, das „nicht im im Ermessen einer einzelnen Krankenkasse liegt“. Im Alltag gehören Manuelle Lymphdrainage und das Tragen speziell angepasster Kompressionen zu den Therapiemaßnahmen. Auch Bianca ist im Sommer wie Winter in Kompressions-Strumpfhosen bzw. -Leggins unterwegs. „Die Strümpfe und ich, wir waren lange keine Freunde“, erzählt sie. „Aber wenn ich sie nicht anziehe, kann ich abends nicht schlafen.“

„Verstecken ist mir jetzt echt zu anstrengend!“

Bianca Hollstein

Während sie sich und ihre Krankheit am Anfang am liebsten verstecken wollte, geht sie mittlerweile offensiv damit um – auch, um anderen Frauen Mut zu machen. Aus ihrem Umfeld erfährt sie viel Unterstützung und sie freut sich, dass die Krankheit mehr ins öffentliche Bewusstsein rückt. Daniela Vetter aus Vöhl initiierte ein Foto-Shooting, bei dem sich 35 betroffene Frauen – auch Bianca – ablichten ließen. Die Fitness-Bloggerin Wencke Sperveslage nutzt ihre Reichweite von 102.000 Followern auf Instagram, um auf die Krankheit aufmerksam zu machen. Und beim ersten Lipödem-Online-Kongress konnten sich Betroffene, Interessierte und Experten austauschen.

Raus aus den Thrombose-Strümpfen

Bianca Hollstein ist nach der Geburt ihres zweiten Kindes an Lipödem erkrankt. Anderen Betroffenen will sie jetzt Mut machen. Foto: Zimmermann

Aufgeben ist für Bianca keine Option. „Ich bin Mitte 30, ich möchte nicht den Rest meines Lebens in dieser Bestrumpfung stecken und mir so viel Lebensqualität nehmen lassen“, sagt sie. Deshalb hat sie sich für eine Operation entschieden, auch wenn die Krankenkasse ihren Antrag auf Kostenübernahme ablehnte. „Ich mache die OP nicht aus Beauty-Gründen. Was ich mir wünsche, ist vor allen Dingen Schmerzfreiheit und dadurch mehr Lebensqualität. Ich will auch für meine beiden Kinder fit sein.“ Ihrem OP-Termin im Oktober in der Kasseler Noah-Klinik sieht sie mit gemischten Gefühlen entgegen. „Im Beratungsgespräch habe ich mich gleich super aufgehoben gefühlt“, erzählt sie, „Ich denke, dass ich in guten Händen bin, aber natürlich bin ich auch wahnsinnig nervös.“ Und was rät Bianca anderen betroffenen Frauen? „Sich nicht unterkriegen lassen, sich gut informieren, beharrlich bleiben und für sich einstehen!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

X